Praxis Dres. Scholber, Fröhlich, Höbbel-Schnell

Jetzt geht es los: von einer Sekunde auf die andere öffnet der Himmel seine Schleusen und gibt soviel Wasser frei, dass man binnen Sekunden komplett durchnässt ist. Es hatte sich, wie an nahezu jedem Tag, bereits seit Stunden angekündigt. Das Auftürmen der Gewitterwolken konnte man täglich ab nachmittags beobachten, dazu ein fast kontinuierliches Donnergrollen. Jetzt, es ist bereits Nacht und ich liege schwitzend unter meinem Moskitoschutz im Freien unter einem Dach, das leider nicht so dicht ist, wie man sich wünschen würde, zucken die Blitze so hell und ist der gleich darauf folgende Donner so laut, wie wir es aus Deutschland nicht kennen. Wir hoffen, das wir in dieser Nacht trocken bleiben, das hängt von der Windrichtung ab. Und wir hoffen, das uns nicht eines der stärkeren Nachbeben im Schlaf treffen wird.

Ich muss an die Menschen denken, die Bilder des vergangenen Tages. Wie mag es ihnen jetzt gehen?

Wir haben viel Verwüstung gesehen, die das schwere Erdbeben mit Epizentrum im Südwesten Mexikos im September angerichtet hat. Alle Dörfer haben Tote zu beklagen. In manchen Dörfern steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. Und die Häuser, die noch stehen, sind zumeist von Begutachtungstrupps der Regierung markiert worden. Es gibt zwei Markierungsvarianten: entweder das Haus ist einsturzgefährdet und wird zwangsweise vom Staat abgerissen, oder es ist nicht bewohnbar, darf aber instandgesetzt oder von den Eigentümern abgerissen werden. Die Markierungen sind nummeriert: in manchen Orten sehen wir Nummern nahe an die 3000.  

Überall dazwischen Menschen – Menschen, die alle im Freien schlafen, weil sie entweder kein Haus mehr haben oder sich nicht hineintrauen. Es sind nach Regierungsangaben momentan ca. 3 Millionen Menschen, die kein Obdach mehr haben und in allem auf fremde Hilfe angewiesen sind. Sie haben sich provisorischen Regenschutz aus Planen aufgehängt und liegen auf dem Boden oder in den allgegenwärtigen Hängematten.

Mückenschutz sehen wir kaum, und das in einer Gegend, wo mückenübertragende Krankheiten sehr häufig sind. Entsprechend sind die Krankheitsbilder, die wir behandeln: fiebernde Kinder, Erkältungen und orthopädische Probleme. Glücklicherweise nicht so viele Verletzte – hier hat die Erstversorgung nach dem Beben recht gut funktioniert. Was auch gut funktioniert in Mexiko, ist die private Hilfe: wir sehen immer wieder Privatautos, die zum Teil aus dem Norden des Landes angereist sind, um Decken, Medikamente und andere Hilfsgüter zu den betroffenen Menschen zu bringen. Da es an Ärzten fehlt, bekommen wir einige dieser Medikamentenspenden und können sie so sinnvoll für die Menschen verwenden.

Und so sitzen wir am Ende unseres 12-tägigen Einsatzes in der Region Oaxaca abends unter unserem lecken Dach zusammen, lauschen erneut dem näherkommenden Donnergrollen und sind uns einig: es war ein guter, ein sinnvoller Einsatz hier. Wir konnten fast 500 Menschen mit akuten Krankheiten behandeln, haben Aufklärungsarbeit geleistet und ein wenig Hoffnung zu Menschen gebracht, die momentan meist vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und dennoch so gastfreundlich und liebenswert sind.