Praxis Dres. Scholber, Fröhlich, Höbbel-Schnell

Einsatzbericht Bangladesh 12.-27.06.09

Am 10. Juni erreichte mich der dringende Aufruf von Humedica, im Zweitteam an einem Einsatz in Bangladesh teilzunehmen. Mehr als 2 Wochen zuvor hatte der tropische Zyklon Aila grosse Teile der südwestlichen Regionen des Landes verwüstet.
Und so ging es dann am 12.06. frühmorgens nach Frankfurt. Von dort flogen wir (Michal Becker und ich) über Bahrein nach Dhaka, der Hauptstadt des noch recht jungen Landes Bangladesh. Dort wurden wir schon von Mitgliedern unserer Partnerorganisation Koinonia empfangen. Nach einer umfassenden Übergabe durch das Erstteam, das sich auf der Rückreise nach Deutschland befand, ging es am nächsten Morgen per Auto weiter ins Einsatzgebiet. Dies liegt mehr als 400 km und 12 Stunden entfernt von der Hauptstadt im äußersten Südwesten des Landes an der Grenze zu Indien. Im äußersten Süden des Landes befinden sich die Sunderban-Sümpfe, ein riesiges, völlig unbewohntes Mangrovensumpfgebiet, das inzwischen zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Hier leben neben Elefanten auch noch freilebende Tiger, die durchaus noch eine Gefahr für die Bewohner in den anliegenden Dörfern darstellen.


Wir fanden Unterkunft bei Pater Luigi, einem wirklich beeindruckenden Priester aus Norditalien, der inzwischen seit 40 Jahren in Bangladesh lebt und arbeitet. Er gab uns das Gefühl, zu Hause zu sein, so wie er seit mehreren Jahren auch einer ganzen Reihe Mädchen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren, die von ihren Eltern aus der Not heraus verheiratet werden sollten, einen Unterschlupf und Ausbildung bietet.
Die Lebensbedingungen in der betroffenen Region sind gerade jetzt, zu Beginn der Regenzeit, durchaus problematisch. Tagestemperaturen über 40°C, Nachttemperaturen nicht viel niedriger, hohe Luftfeuchte, häufige Strom- und somit Ventilatorausfälle, nur Salzwasser für die persönliche Hygiene und vieles mehr erschweren so manche sonst einfache alltägliche Tätigkeit.

Aber um wie viel schlimmer geht es den Menschen dort.

Sie leben in einer Region, wo nur mittels Dämmen den zweimal täglich auflaufenden Gezeiten Einhalt geboten wird. Ihre Dörfer und Reisfelder sind von der Qualität dieser Dämme abhängig. Diese wiederum werden an vielen Stellen aufgeweicht durch Einschnitte, die für riesigen Shrimpsfarmen der Region notwendig sind. Hierdurch werden die Dämme das ganze Jahr über durchweicht und stellen für Wirbelstürme kein Bollwerk mehr da. Grosse landwirtschaftliche Flächen sind außerdem den Shrimpsfarmen zum Opfer gefallen. Unnötig zu sagen, dass der Ertrag des “weißen Goldes” nicht bei den Erzeugern, sondern bei den Händlern (sowohl nationalen als auch internationalen) bleibt. So leben die Menschen schon in normalen Zeiten auf einem Pulverfass, stets bedroht von Dammbrüchen. Sie haben kaum den täglichen Reis, geschweige denn ausreichend Vitamine und Spurenelemente. Fast alle Menschen, insbesondere die Kinder und die Schwangeren, leiden an Mangelkrankheiten wie Nachtblindheit (Vitamin A Mangel) und Skorbut (Vitamin C Mangel) sowie Blutarmut.

Als der Zyklon Aila dann über das Land fegte, riss er in grossem Umfang Dämme ein und überschwemmte grosse Landstriche. Die Behausungen der Menschen (meist Hütten aus Lehm und Blättern) wurden in vielen Orten zu 98% zerstört. Die Menschen flüchteten sich auf die verbliebenen Dämme, wo sie bis heute unter provisorischen Zeltplanen Schutz vor Sonne und regen suchen. Einzig dem Unwetter trotzen konnten die aus Beton erbauten Zyklonshelter. Zwei davon wurden nach dem letzten Zyklon im Jahre 2007 von Humedica. finaniziert.
Was aber noch fast schlimmer ist als der Verlust der Häuser, ist der absolute Mangel an sauberem Trinkwasser. Das allgegenwärtige Flußwasser ist eher eine Kloake, die inzwischen aufgestellten Trinkwassercontainer enthalten zum Teil eine fragwürdige braune Brühe, Feuerholz zum Abkochen ist nicht ausreichend vorhanden. Dementsprechend haben wir vor allem Durchfallerkrankungen und schwere Hautinfektionen behandelt.

Insgesamt konnten wir als zweites Team über 900 Menschen akute medizinische Hilfe leisten. Nun wird die Intensivierung der logistischen Hilfe immer wichtiger. Denn die Menschen werden voraussichtlich noch lange Zeit völlig von Hilfe von außen abhängig sein, da die Reisfelder versalzen sind und die Dämme frühestens im Oktober zum Ende der Regenzeit repariert werden. Das bedeutet, dass die diesjährige Hauptreisernte ausfallen wird. Momentan organisiert unsere Partnerorganisation Koinonia grosse Hilfsmittellieferungen ins betroffene Gebiet. Bisher konnten mehr als 2000 Familien mit dem Nötigsten versorgt werden.

Wir durften am 27.06. wohlbehalten in unsere behütete und reiche Realität zurückkehren. Es bleiben viele lehrreiche Erfahrungen, Erinnerungen an besondere Menschen und neue Freunde sowie der Wunsch, dass irgendwann alle Menschen ein lebenswürdiges Leben führen dürfen.

Dr. Anja Fröhlich