Praxis Dres. Scholber, Fröhlich, Höbbel-Schnell

Nach dem Abendbrot sitzen wir bei einer Tasse Tee vor dem Haupteingang der Klinik zusammen. Der Haupteingang ist der ruhigste Platz auf dem Gelände. Kaum jemand kommt hier vorbei, denn aus Furcht vor Nachbeben wird in einer Zeltstadt am Ambulanzeingang behandelt.

Plötzlich scheint der Boden unter unseren Füssen zu schwimmen, wir müssen uns an der Parkbank festhalten. Ein heftiger Stoss erschüttert den Boden, das Gebäude ächzt. Wir bringen uns auf die Rasenfläche vor dem Klinikgebäude in Sicherheit. Ein banger Blick zurück: das Gebäude hat den Stoss ausgehalten, lediglich etwas Putz ist abgeblättert.

Im Behandlungszelt herrscht hektische Betriebsamkeit: Patienten weinen und schreien, die Erinnerung an das schwere Erdbeben vor Tagen hat sie in Panik versetzt. Eine junge Frau im Krankenbett hyperventiliert so stark, dass sie zu krampfen beginnt. Eine Vene für die Injektion eines Beruhigungsmittels ist kaum zu finden. Die Familie steht weinend am Bett, schliesslich bricht die Mutter zusammen und wird die nächste Patientin. Eine weitere junge Frau wird von ihrem besorgten Vater gebracht: seit dem Erdstoss fühle sie ihre linke Körperhälfte nicht mehr. Ihre Augen sind schreckgeweitet, sie zittert. Neurologische Ausfälle bestehen nicht, ich setze sie unter Betreuung des Vaters in eine ruhige Ecke des Zeltes, um sie später erneut zu untersuchen.

Noch stundenlang werden verängstigte Patienten in das Ambulanzzelt gebracht. Das Nachbeben soll die Stärke 5,4 gehabt haben, wie wir später erfahren.

Das verheerende Erdbeben vom 11. August 2012 mit einer Stärke von 6,4 hatte in über 350 Dörfern der iranischen Provinz Azerbaijan erhebliche Zerstörungen angerichtet, mehr als 150.000 Menschen waren betroffen. Am 13.08. war ich kurzfristig als Mitglied eines Humedica-Ärzteteams nach Ahar aufgebrochen. Von dort aus suchten wir mit geländegängigen Fahrzeugen voll medizinischer Ausrüstung entlegene Dörfer auf, um die Menschen zu behandeln. Unterstützt wurden wir dabei vom iranischen Roten Halbmond (entspricht unserem Roten Kreuz).

Inzwischen sind die medizinischen Hilfsmassnahmen dort abgeschlossen und Humedica hilft mit logistischen Massnahmen weiter. Bald beginnt in den über 2000 Meter hoch gelegenen Dörfern der Winter und die Menschen wohnen in Zelten, die Häuser sind ja zerstört. Allein die Beheizung der über 18.000 verteilten Zelte stellt eine grosse Herausforderung dar.

Christian Scholber